ROGER MORRISON : "Clinically Verified Materia Medica: Tapestry of Homeopathy (Volume 1)", Grass Valley 2025, 843 Seiten, Hardcover, Hahnemann Clinic Publishing,140$, in Europa über Emryss 138€
Eigentlich wollte Roger Morrison 2010 nur seinen Desktop Guide, das "Handbuch der homöopathischen Leitsymptome und Bestätigungssymptome", überarbeiten. Zahlreiche Arzneimittelprüfungen und vor allem neue Erkenntnisse durch die Empfindungsmethode, die Arbeit mit Arzneigruppen und verschiedene Konzepte zur Systematik der Materia Medica machten fast zwanzig Jahren nach Erscheinen ein Update dieses sehr erfolgreichen Standardwerks erforderlich.
Eine seiner Quellen bei der Überarbeitung der Arzneimittelbilder waren geheilte Fälle. Neben eigenen Erfahrungen aus seiner Praxis konnte er dabei auf einen gewaltigen Fundus von fast 10000 geheilten Fällen zurückgreifen, die seine Frau Nancy Herrick aus Zeitschriften und Büchern, bei Seminaren und Kollegen über viele Jahre gesammelt hatte - alles solide, gut dokumentierte Fälle, analysiert von verschiedenen Autoren mit unterschiedlichen Ansätzen, meist mit nur einem Mittel geheilt. Seine Quelle war somit die gesamte homöopathische Community.
Die Fälle sind die Arznei selbst
Spielten die geheilten Fälle am Anfang seiner Arbeit an der Neuauflage nur eine Nebenrolle, so wurden sie im Laufe der Zeit immer wichtiger, bis er feststellte, dass er auf eine Goldschatz an Informationen saß. Ihm war eine verblüffende Kongruenz der Aussagen von PatientInnen aufgefallen, die die gleiche Arznei benötigten. Sie gebrauchten oft exakt die gleichen Begriffe, um sich selbst und ihre Pathologie zu beschreiben, unabhängig vom jeweiligen Therapeuten.
Morrison fragte sich: "Was, wenn diese geheilten Fälle nicht nur dazu da sind, mir beim Schreiben über dieses Mittel zu helfen, sondern wichtiger sind als alles, was ich schreibe? Was, wenn diese Fälle das Mittel selbst sind? ...Ich beschloss, die geheilten Fälle für sich sprechen zu lassen – mich selbst zum Sprachrohr ihrer lautlosen Stimmen zu machen." An diesem Punkt wurde aus dem geplanten Update ein völlig anderes Buch als der Desktop Guide. „Ich musste das Buch noch mal von vorne anfangen und dabei einige Jahre meiner bisherigen Arbeit verwerfen. Ich schrieb alle Kapitel zu den Arzneimitteln aus dieser neuen Perspektive um und sah meine neue Rolle schließlich eher als Reporter oder Übersetzer denn als Autor.“
Ab jetzt basiert die erste Version eines Arzneimittelbildes komplett auf dem Studium geheilter Fälle. Erst wenn das abgeschlossen ist, gleicht Morrison alles mit seinen zuverlässigsten Quellen ab, um zu sehen, ob er irgendwas vergessen hat. Jedes Symptom, das im Buch aufgeführt ist (außer wenn anders angegeben), ist überprüft und kommt direkt aus geheilten Fällen. Das gilt auch für Arzneiwissen, das aus der Arbeit mit Mittelgruppen und neuen Ordnungssystemen in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. Solches wird nur aufgenommen, wenn es durch geheilte Fälle bestätigt ist. Da Morrison als Schüler von Vithoulkas und Sankaran selbst moderne methodische Ansätze in seiner Praxis erfolgreich einsetzt, will er deren neue Erkenntnisse zur Materia Medica keinesfalls ausschließen. Der Nutzen des jeweiligen Mittels bei einem bestimmten Symptom oder Thema muss sich aber in der Praxis erwiesen haben.
Wertvolle Klassifizierung
Dieser Anspruch steht hinter dem neuen Titel des Desktop Guides, der jetzt "Clinically Verified Materia Medica" heißt. Der erste Band, bisher nur in englischer Sprache erschienen, ist eine Zusammenfassung und Analyse aus über 5000 geheilten Fällen und enthält 207 Heilmittel, zu denen bis auf wenige Ausnahmen mindestens 3 moderne Fälle vorlagen. Wegen der Bedeutung, die Scholtens Periodensystem und Sankaran's Tabellen mittlerweile für die praktische Anwendung haben, wurden fast alle Mittel aus diesen Ordnungssystemen berücksichtigt, auch wenn einmal weniger geheilte Fälle zur Verfügung standen. So findet man auch klinisch verifizierte Symptome zu Mitteln wie Barium bromatum (Reihen 6/4, Stadien 2/17) oder Asimina (Magnolianae, Ringworm Miasma), die man in ähnlichen Nachschlagewerken vergeblich sucht. Dagegen wurden einige neuere Mittelgruppen, mit denen der Autor selbst nicht ausreichend vertraut ist, nicht berücksichtigt. Dazu zählen Lanthanide, Actinide, Muttermittel und Imponderabilien.
Die Kapitel zu den Arzneimitteln sind in zwei Abschnitte gegliedert. Zunächst werden in einem manchmal sehr ausführlichen, dann auch wieder ganz kurzen erzählerischen Teil die Persönlichkeit und das innere Erleben der PatientInnen beschrieben, die ein bestimmtes Arzneimittel benötigen. In diesem Prosateil scheinen die Essenz und der Genius einer Arznei auf. Als Beispiel ein Auszug aus dem Kapitel zu Barium Bromatum: "In den fünf Fällen, die uns zur Verfügung standen, wurden drei Patienten von den Leuten, auf die sie am meisten angewiesen waren, dominiert, kritisiert und missbraucht. Die anderen beiden waren einer Position, in der sie niemanden hatten, auf den sie sich verlassen konnten, und die sich deshalb nicht in der Lage fühlten, die Herausforderungen ihres Lebens und Berufs zu meistern. Alle fünf litten unter Angst und Beklemmung – sogar unter Panikattacken. Bis auf einen Fall hatten alle mit Zwangsgedanken zu kämpfen... Es ist erwähnenswert, dass die Verschreibung in allen Fällen auf Basis des Gemütszustands erfolgte."
Wenn genügend Fallgeschichten dazu vorhanden sind, werden auch die Besonderheiten bei Kindern sowie der kompensierte und der dekompensierte Zustand einer Arznei in separaten Abschnitten des narrativen ersten Teils beschrieben. Zu Calcarea silicata findet sich beispielsweise der folgende Eintrag: "Im kompensierten Zustand bewältigten mehrere Patienten schwer erträgliche Gefühle durch Verleugnung. Sie gaben an, keine Gefühle, keine Tränen und keinerlei Emotionen zu haben, und beschrieben einen „roboterhaften“ Zustand von Vernunft. Darüber hinaus waren viele der Patienten außer im familiären Umfeld sehr zurückgezogen – sie hatten buchstäblich keine Freunde und keinen Kontakt außerhalb ihrer Familie. Im nicht kompensierten Zustand saßen die Patienten zu Hause, unfähig zu arbeiten oder Kontakte zu knüpfen."
Überprüfung der Daten
Im zweiten Teil der Arzneikapitel folgt dann eine stichwortartige Auflistung der klinisch verifizierten Symptome jedes Mittels nach dem von Repertorien und anderen Arzneimittellehren bekannten Muster. Die dabei üblichen Kategorien des Kopf-zu-Fuß-Schemas hat Morrison durch eigene Punkte ergänzt: Für Anwender der Empfindungsmethode finden sich unter "Sensation language" typische Ausdrücke und Handbewegungen auf der Empfindungs- und Quellenebene. In der Kategorie "Presentations" wird beschrieben, wie sich ein Patient während der Anamnese verhält oder selbst beschreibt. "Combined Symptoms" steht für gemeinsame Schwerpunkte eines Mittels, wie beispielsweise die Verbindung von Symptomen des Uterus und des Herzens bei Convallaria. Unter "Comparisons" werden vor allem häufige Fehlverschreibungen aufgelistet, mit denen die Autoren der Fallgeschichten das jeweilige Mittel verwechselt hatten. Jedes Kapitel schließt ab mit dem Punkt "Evidence Reviewed" und der Angabe zu Zahl und Art der Fallgeschichten sowie anderer Quellen, die für die klinische Verifizierung der Arzneidarstellung herangezogen wurden. So steht bei Euphrasia: "3 vollständige moderne Fälle, 5 moderne Fallberichte, 1 moderner Akutfall, 24 historische Fälle, Artikel von Bob Ullman und Prof. Vithoulkas."Mit diesem Eintrag endet die Freude an dem außergewöhnlichen Werk erst einmal. Euphrasia ist die letzte Arznei, die für den ersten Band klinisch verifiziert wurde, und hoffentlich muss die homöopathische Welt nicht allzu lang auf Ferrum und alle anderen Mittel warten, die dann noch kommen. Roger Morrison hat seine Praxistätigkeit für die akribische und aufwendige Arbeit an diesem Mammutwerk stark eingeschränkt und hofft, Band 2 bis zum Dezember 2026 abschließen zu können. Dann soll es bis zum dritten und letzen Band noch einmal zweieinhalb Jahre dauern, vorausgesetzt der Autor kann im gleichen Tempo weiterarbeiten.
Ein monumentales Werk
Der hohe Wert und der Sonderstatus, den diese innovative Materia Medica unter ihresgleichen einnimt, kann nicht genügend hervorgehoben werden. Es ist weder eine Neuauflage des bewährten Desktop Guide noch einfach eine weitere Arzneimittellehre, in der dieselben Wahrheiten und Fehler früherer Autoren wiederholt und dadurch, das Gute, aber auch das Irreführende verstärkt werden. Vielmehr stellt es den Versuch dar, die bekannte Materia Medica durch die Verwendung von geheilten Fällen einem Realitätscheck zu unterziehen, und sie gleichzeitig auf den aktuellen Stand der modernen Homöopathie zu bringen. Morrison schafft es, im narrativen Teil der Arzneikapitel ein plastisches Mittelbild zu präsentieren und gleichzeitig mit dem zweiten Teil dem Praktiker einen nun klinisch verifizierten Desktop Guide als Nachschlagewerk für den klinischen Alltag zur Hand zu geben.
"Da es alle Aspekte der Arzneimittel abdeckt, ist es unabhängig von der Art und Weise, wie man Homöopathie praktiziert, von großem Wert", schreibt Rajan Sankaran in seinem Vorwort. Und weiter: "Mit großer Bewunderung und Begeisterung stelle ich dieses einzigartige Werk der homöopathischen Gemeinschaft vor. Dr. Morrisons unermüdlicher Einsatz für ein umfassendes und fundiertes Mittelverständnis ist zutiefst inspirierend. Ich weiß, dass niemand sonst in unserer Generation so ein monumentales Werk hätte schaffen können." SPEKTRUM kann sich dieser Wertschätzung nur anschließen und Morrisons klinisch verifizierte Materia Medica allen englisch sprechenden Homöopathen als Standardwerk für den Praxisschreibtisch empfehlen.







